„Kinderbetreuung ist keine Arbeit“? Warum mich Stockers Aussage als Dreifachmama wütend macht
„Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit.“
Dieser Satz von Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker hat in den vergangenen Tagen eine Debatte ausgelöst, die meiner Meinung nach längst überfällig war.
Stocker äußerte sich im Rahmen seiner Sommertour in Salzburg zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Er erklärte dabei auch, dass er Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehe. Familie sei kein „Business Case“ und nicht als Rechenbeispiel zu verstehen. Nach heftiger Kritik bezeichnete Stocker seine ursprüngliche Aussage selbst als „falsch“.
Ich habe die Diskussion verfolgt – als Frau, als berufstätige und selbstständige Mutter und vor allem als Mama von drei Kindern.
Und ich komme immer wieder zu demselben Punkt:
Kinderbetreuung ist vielleicht keine Erwerbsarbeit. Aber Kinderbetreuung IST Arbeit.
Und genau diesen Unterschied sollten wir endlich verstehen.
Kinderbetreuung ist Arbeit – auch wenn niemand dafür einen Lohnzettel bekommt
Ich möchte vom Staat keinen Stundenlohn dafür bekommen, dass ich meine eigenen Kinder großziehe.
Wir haben uns bewusst für unsere Kinder entschieden. Ich liebe sie. Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen. Und selbstverständlich gehört es für mich zum Elternsein, Verantwortung für sie zu übernehmen.
Aber warum sollte all das bedeuten, dass die damit verbundene Arbeit plötzlich keine Arbeit mehr ist?
Ich kann etwas aus Liebe tun und trotzdem Arbeit damit haben.
Diese beiden Dinge schließen einander nicht aus.
Wenn ich nachts wegen eines kranken Kindes aufstehe, ist das anstrengend.
Wenn ich gleichzeitig ein Baby auf dem Arm halte und das Wohnzimmer sauge, erledigt sich der Haushalt nicht plötzlich von selbst, nur weil ich Mutter bin.
Wenn ich Jausen vorbereite, Wäsche wasche, Termine organisiere, Kinder zum Kindergarten und in die Schule bringe, Arzttermine wahrnehme, Geburtstage plane, Ferien überbrücke und nebenbei versuche, meinen Beruf auszuüben, dann leiste ich etwas.
Das ist Care-Arbeit.
Sobald jemand anderes unsere Kinder betreut, nennen wir es Arbeit
Genau hier wird die Diskussion für mich besonders widersprüchlich.
Betreut eine Elementarpädagogin Kinder im Kindergarten, arbeitet sie.
Betreut eine Tagesmutter Kinder, arbeitet sie.
Betreuen Pädagoginnen und Pädagogen Kinder im Hort, arbeiten sie.
Putzt eine Reinigungskraft mein Haus, arbeitet sie.
Kocht jemand beruflich für andere Menschen, arbeitet diese Person.
Sobald dieselben oder vergleichbare Tätigkeiten innerhalb der eigenen Familie unbezahlt stattfinden, sollen sie plötzlich keine Arbeit mehr sein?
Für mich ergibt das keinen Sinn.
Natürlich besteht ein Unterschied zwischen Erwerbsarbeit und unbezahlter Care-Arbeit. Aber dieser Unterschied besteht in erster Linie darin, unter welchen Rahmenbedingungen die Arbeit erbracht und ob sie bezahlt wird.
Nicht darin, ob sie Kraft, Zeit und Verantwortung verlangt.
Nein, Herr Stocker: Familie ist für mich auch kein „Business Case“
Einen Teil seiner späteren Erklärung kann ich sogar nachvollziehen.
Ich möchte meine Familie ebenfalls nicht als Business Case betrachten.
Ich habe meine Kinder nicht bekommen, weil ich ausrechnen wollte, was mir ihre Betreuung finanziell bringt. Und ich möchte meinen Kindern niemals das Gefühl vermitteln, ihre Betreuung müsse sich für mich „rentieren“.
Darum geht es aber auch überhaupt nicht.
Die gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit bedeutet nicht, Liebe zu monetarisieren.
Es bedeutet anzuerkennen, dass jemand diese Arbeit leisten muss – und dass diese Person dafür häufig an anderer Stelle einen Preis bezahlt.
Und genau an diesem Punkt wird aus einer vermeintlichen Wortklauberei eine gesellschaftspolitische Frage.
Wer bezahlt tatsächlich den Preis für unbezahlte Care-Arbeit?
Schauen wir uns die österreichischen Zahlen an.
2025 arbeiteten 49,8 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Österreich in Teilzeit. Bei Männern waren es lediglich 14 Prozent.
Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn Kinder ins Spiel kommen.
Bei den 25- bis 49-jährigen Erwerbstätigen mit Kindern unter 15 Jahren lag die aktive Teilzeitquote der Frauen 2025 bei 75,3 Prozent.
Bei Männern mit Kindern unter 15 Jahren?
8,5 Prozent.
Diese Zahlen finde ich enorm.
Natürlich hat nicht jede Teilzeitbeschäftigung denselben Grund. Aber sie zeigen sehr deutlich, wie unterschiedlich sich Elternschaft auf das Erwerbsleben von Frauen und Männern auswirkt.
Und genau deshalb stört mich die Aussage „Kinderbetreuung ist keine Arbeit“ so sehr.
Frauen reduzieren Erwerbsarbeit – weil die andere Arbeit trotzdem gemacht werden muss
Irgendjemand muss ein Kind vom Kindergarten abholen.
Irgendjemand muss daheim bleiben, wenn es um 10 Uhr vormittags heißt: „Ihr Kind hat Fieber.“
Irgendjemand muss die neun Wochen Sommerferien mit den Urlaubstagen zweier berufstätiger Eltern zusammenbringen.
Irgendjemand steht nachts auf.
Irgendjemand kennt die Kleidergröße, den nächsten Zahnarzttermin, den Elternabend, den Wandertag und weiß, wann wieder Windeln, Zahnpasta oder neue Turnschuhe gebraucht werden.
Natürlich können und sollen das auch Männer sein.
Aber die österreichischen Arbeitsmarktdaten zeigen ziemlich deutlich, wer seine Erwerbsarbeit nach der Familiengründung besonders häufig reduziert.
Und weniger Erwerbsarbeit bedeutet eben häufig auch:
weniger Einkommen, geringere Karrierechancen und Auswirkungen auf die spätere Pension.
Immerhin erkennt selbst unser Pensionssystem Kindererziehung als relevante Zeit an: Kindererziehungszeiten können grundsätzlich bis zu 48 Monate nach der Geburt eines Kindes als Versicherungszeiten berücksichtigt werden. Für 2026 werden sie im Pensionskonto mit einer monatlichen Beitragsgrundlage von 2.468,01 Euro bewertet.
Offenbar ist Kindererziehung also gesellschaftlich doch nicht einfach nur „Privatvergnügen“.
Das Gedankenexperiment: Was wäre Care-Arbeit pro Stunde wert?
In meinem Social-Media-Posting habe ich bewusst eine provokante Rechnung aufgemacht.
Nicht, weil ich fordere, dass Eltern für jede Stunde mit ihren Kindern einen Stundenlohn vom Staat bekommen sollen.
Sondern um sichtbar zu machen, wie absurd es ist, unbezahlte Arbeit mit „keine Arbeit“ gleichzusetzen.
Denn Elternschaft kennt keinen klassischen Feierabend.
Ein kleines Kind interessiert es nicht dafür, ob Sonntag ist.
Ein Baby kennt keine Nachtruhe laut Kollektivvertrag.
Krankheiten richten sich nicht nach Bürozeiten.
Und Mental Load lässt sich leider auch nicht jeden Abend um 17 Uhr ausschalten.
Diese Arbeit findet neben, vor und nach unserer Erwerbsarbeit statt.
24 Stunden am Tag trägt jemand die Verantwortung.
„Aber ihr habt euch doch selbst für Kinder entschieden!“
Dieses Argument lese ich seit Beginn der Diskussion ständig.
Ja.
Haben wir.
Und?
Ein freiwillig gewählter Lebensbereich kann trotzdem Arbeit verursachen.
Noch wichtiger: Kinder sind keine rein private gesellschaftliche Randerscheinung.
Die Kinder, die wir heute großziehen, sind die Erwachsenen von morgen. Sie werden arbeiten, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, Unternehmen führen, Menschen pflegen, unterrichten und unsere Gesellschaft weitertragen.
Eine Gesellschaft braucht die nächste Generation.
Deshalb halte ich es für ziemlich kurzsichtig, die Arbeit, die mit ihrem Großwerden verbunden ist, ausschließlich als private Freizeitgestaltung ihrer Eltern abzutun.
Frauen können es scheinbar ohnehin nie richtig machen
Was mich an der gesamten Diskussion besonders beschäftigt, ist ein Muster, das viele Mütter wahrscheinlich kennen.
Bleibst du lange bei deinen Kindern zu Hause, heißt es:
„Du arbeitest ja nicht.“
Gehst du Teilzeit arbeiten:
„Warum arbeitest du nicht mehr?“
Gehst du früh wieder Vollzeit:
„Warum bekommt man Kinder, wenn man sie dann fremdbetreuen lässt?“
Bist du beruflich erfolgreich:
„Und wer kümmert sich um die Kinder?“
Diese Frage wird Vätern meiner Wahrnehmung nach wesentlich seltener gestellt.
Als Mutter sollst du liebevoll und verfügbar sein, beruflich trotzdem mithalten, deinen Haushalt organisieren und dabei bitte niemals den Eindruck vermitteln, dass irgendetwas davon anstrengend sein könnte.
Denn du hast dich schließlich freiwillig für Kinder entschieden.
Genau dieses Denken müssen wir meiner Meinung nach hinterfragen.
Warum mich Stockers Wortwahl als Bundeskanzler besonders stört
Natürlich kann sich jeder Mensch einmal unglücklich ausdrücken.
Auch ein Politiker.
Aber Christian Stocker ist nicht irgendein Mensch, der beim Kaffee mit Freunden einen unüberlegten Satz gesagt hat.
Er ist Bundeskanzler der Republik Österreich.
Seine Worte haben politisches und gesellschaftliches Gewicht.
Stocker bezeichnete seine ursprüngliche Aussage nach der Kritik selbst als falsch und entschuldigte sich dafür. Das gehört zur vollständigen Geschichte dazu.
Trotzdem verschwindet für mich die dahinterliegende Diskussion dadurch nicht.
Im Gegenteil.
Vielleicht hatte diese Aussage sogar einen positiven Nebeneffekt:
Wir reden endlich darüber.
Über Kinderbetreuung.
Über Mental Load.
Über Teilzeit.
Über unbezahlte Care-Arbeit.
Über die Frage, warum bestimmte Tätigkeiten als wertvolle Arbeit gelten, sobald dafür eine Rechnung geschrieben oder ein Gehalt überwiesen wird – und gesellschaftlich so schnell unsichtbar werden, sobald sie innerhalb einer Familie stattfinden.
Kinderbetreuung ist Liebe. Und Kinderbetreuung ist Arbeit.
Das ist am Ende meine Botschaft.
Ich möchte für die Umarmung meines Kindes keinen Stundenlohn.
Ich möchte nicht abrechnen, wie oft ich nachts aufgestanden bin.
Ich möchte meine Kinder nicht als „Business Case“ betrachten.
Aber ich möchte in einem Land leben, in dem wir anerkennen, was Eltern – und nach wie vor besonders viele Frauen – jeden Tag leisten.
Liebe und Arbeit schließen einander nicht aus.
Ich liebe meine Kinder.
Ich bin gerne ihre Mama.
Ich arbeite.
Und ich leiste gleichzeitig jeden Tag unbezahlte Care-Arbeit.
Diese Dinge können alle gleichzeitig wahr sein.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht darüber diskutieren, ob Kinderbetreuung Arbeit ist.
Sondern darüber, warum wir im Jahr 2026 noch immer darüber diskutieren müssen.
Wie siehst du das? Ist Kinderbetreuung für dich Arbeit – oder beginnt „Arbeit“ erst dort, wo jemand dafür bezahlt wird? Schreib mir gerne deine Meinung.






















